Monday, June 30, 2008

Bärig

Photo:D.H.G. Griechischer Teddybär





Drei Bären



Ein Brombär, froh und heiter, schlich
durch einen Wald. Da traf es sich,
daß er ganz unerwartet, wie’s
so kommt, auf einen Himbär stieß.

Der Himbär rief – vor Schrecken rot – :
»Der grüne Stachelbär ist tot!
Am eignen Stachel starb er eben!«
»Ja«, sprach der Brombär, »das soll’s geben!«
und trottete – nun nicht mehr heiter –
weiter...

Doch als den »Toten« er nach Stunden
gesund und munter vorgefunden,
kann man wohl zweifelsohne meinen:
Hier hat der andre Bär dem einen
’nen Bären aufgebunden!



Heinz Erhardt





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Schwanengleich

Photo:D.H.G.
Starnberger See bei Schloss Berg




Der Schwan


Diese Mühsal, durch noch Ungetanes

schwer und wie gebunden hinzugehn,

gleicht dem ungeschaffnen Gang des Schwanes.

Und das Sterben, dieses Nichtmehrfassen

jenes Grunds, auf dem wir täglich stehn,

seinem ängstlichen Sich-Niederlassen -:

in die Wasser, die ihn sanft empfangen

und die sich, wie glücklich und vergangen,

unter ihm zurückziehn, Flut um Flut;

während er unendlich still und sicher

immer mündiger und königlicher

und gelassener zu ziehn geruht.







Un cygne



Un cygne avance sur l'eau tout entouré
de lui-même, comme un glissant tableau;

ainsi à certains instants
un être que l'on aime est tout un espace mouvant.

Il se rapproche, doublé, comme ce cygne qui nage,
sur notre âme troublée...

qui à cet être ajoute la tremblante image
de bonheur et de doute.




Rainer Maria Rilke




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Monday, June 9, 2008

Sagenhaftes Glück

Foto: D.H.G. Ruinen des Logothetis-Kastells / Samos


Foto: D.H.G. Ruinen des Logothetis-Kastells / Samos


Auf einer Felsspitze bei Pythagorio auf Samos stehen die Ruinen des Logothetis-Kastells
aus der Zeit des Widerstandskriegs gegen die Türken(um 1822 )
auf den Resten des Palastes von Polykrates( etwa 530 v.Chr.)




Der Ring des Polykrates



Er stand auf seines Daches Zinnen,
Er schaute mit vergnügten Sinnen
Auf das beherrschte Samos hin.
"Dies alles ist mir untertänig,"
Begann er zu Ägyptens König,
"Gestehe, dass ich glücklich bin."

"Du hast der Götter Gunst erfahren!
Die vormals deinesgleichen waren,
Sie zwingt jetzt deines Zepters Macht.
Doch einer lebt noch, sie zu rächen;
Dich kann mein Mund nicht glücklich sprechen,
So lang des Feindes Auge wacht."

Und eh der König noch geendet,
Da stellt sich, von Milet gesendet,
Ein Bote dem Tyrannen dar:
"Laß, Herr, des Opfers Düfte steigen,
Und mit des Lorbeers muntern Zweigen
Bekränze dir dein festlich Haar!

Getroffen sank dein Feind vom Speere;
Mich sendet mit der frohen Märe
Dein treuer Feldherr Polydor -"
Und nimmt aus einem schwarzen Becken,
Noch blutig, zu der beiden Schrecken,
Ein wohlbekanntes Haupt hervor.

Der König tritt zurück mit Grauen.
"Doch warn ich dich, dem Glück zu trauen,"
Versetzt er mit besorgtem Blick.
"Bedenk, auf ungetreuen Wellen -
Wie leicht kann sie der Sturm zerschellen -
Schwimmt deiner Flotte zweifelnd Glück."

Und eh er noch das Wort gesprochen,
Hat ihn der Jubel unterbrochen,
Der von der Reede jauchzend schallt.
Mit fremden Schätzen reich beladen,
Keht zu den heimischen Gestaden
Der Schiffe mastenreicher Wald.

Der königliche Gast erstaunet:
"Dein Glück ist heute gut gelaunet,
Doch fürchte seinen Unbestand.
Der Kreter waffenkundge Scharen
Bedräuen dich mit Kriegsgefahren;
Schon nahe sind sie diesem Strand."

Und eh ihm noch das Wort entfallen,
Da sieht mans von den Schiffen wallen,
Und tausend Stimmen rufen: "Sieg!
Von Feindesnot sind wir befreiet,
Die Kreter hat der Sturm zerstreuet,
Vorbei, geendet ist der Krieg!"

Das hört der Gastfreund mit Entsetzen.
"Führwahr, ich muß dich glücklich schätzen!
Doch," spricht er, "zittr ich für dein Heil.
Mir grauet vor der Götter Neide;
Des Lebens ungemischte Freude
Ward keinem Irdischen zuteil.

Auch mir ist alles wohl geraten,
Bei allen meinen Herrschertaten
Begleitet mich des Himmels Huld;
Doch hatt ich einen teuren Erben,
Den nahm mit Gott, ich sah ihn sterben,
Dem Glück bezahlt ich meine Schuld.

Drum, willst du dich vor Leid bewahren,
So flehe zu den Unsichtbaren,
Daß sie zum Glück den Schmerz verleihn.
Noch keinen sah ich fröhlich enden,
Auf den mit immer vollen Händen
Die Götter ihre Gaben streun.

Und wenns die Götter nicht gewähren,
So acht auf eines Freundes Lehren
Und rufe selbst das Unglück her;
Und was von allen deinen Schätzen
Dein Herz am höchsten mag ergötzen,
Das nimm und wirfs in dieses Meer!"

Und jener spricht, von Furcht beweget:
"Von allem, was die Insel heget,
Ist dieser Ring mein höchstes Gut.
Ihn will ich den Erinnen weihen,
Ob sie mein Glück mir dann verzeihen"
Und wirft das Kleinod in die Flut.

Und bei des nächsten Morgens Lichte
Da tritt mit fröhlichem Gesichte
Ein Fischer vor den Fürsten hin:
"Herr, diesen Fisch hab ich gefangen,
Wie keiner noch ins Netz gegangen;
Dir zum Geschenke bring ich ihn."

Und als der Koch den Fisch zerteilet,
Kommt er bestürzt herbeigeeilet
Und ruft mit hocherstauntem Blick:
"Sieh, Herr, den Ring, den du getragen,
Ihn fand ich in des Fisches Magen;
O ohne Grenzen ist dein Glück!"

Hier wendet sich der Gast mit Grausen:
"So kann ich hier nicht ferner hausen,
Mein Freund kannst du nicht weiter sein.
Die Götter wollen dein Verderben;
Fort eil ich, nicht mit dir zu sterben."
Und sprachs und schiffte schnell sich ein.

(Schiller, 1797)


538 - 522 v. Chr. :Samos wird unter der Herrschaft des Polykrates zum geistigen Zentrum der griechischen Welt. Durch eine geschickte Bündnispolitik und gestützt auf eine beeindruckende Flotte erreicht Samos sehr großen Reichtum. Praktisch alle Hauptsehenswürdigkeiten der Archäologie stammen aus dieser Zeit (Hera Tempel, Tunnel des Eupalinos, Stadtmauer von Pythagorion etc. )

Die Herrschaft des Polykrates endet abrupt durch seine Ermordung durch die Perser, in deren Hände er sich leichtsinnigerweise

- auf sein sagenhaftes Glück vertrauend -

begeben hatte.




Foto: D.H.G. Ruinen des Logothetis-Kastells / Samos / Im Hintergrund die türkische Küste



Polykrates wurde durch den persischen Statthalter Oroites auf dem Berg Mykale auf den Festland gegenüber von Samos in einen Hinterhalt gelockt und durch Kreuzigung getötet.


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